Rentenalter 65 hat schon ausgedient

Die Zürcherinnen und Zürcher lassen ihr Arbeitsleben individueller ausklingen – mit Frühpensionierungen und Arbeit im Alter

Artikel der NZZ vom 25.06.2019


AHV-Reform hin oder her: Immer weniger Personen sehen ein, weshalb ihr Erwerbsleben mit dem 64. oder dem 65. Geburtstag enden sollte. Das ist eine Folge des grossen Fortschritts, den auch die Schweiz in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Noch nie hätten so viele Menschen zwischen 65 und 80 Jahren so viele Freiräume gehabt wie heute, sagt Franjo Ambrož, der Direktor von Pro Senectute Kanton Zürich. Der Wohlstand nahm zu und mit der zweiten Säule die Absicherung im Alter. Dank der modernen Medizin bleiben die Menschen auch länger gesund. «Die Älteren können einen neuen Lebensabschnitt ausserhalb des Arbeitslebens gestalten, den es früher gar nie so gab», sagt Ambrož. Viele Personen wollten etwas Sinnhaftes tun und nutzten die Zeit für mehr freiwilliges Engagement oder arbeiteten weiter. Für die Arbeitgeber wäre das aufgrund des Fachkräftemangels eine gute Sache. In den nächsten zehn Jahren werden die geburtenstarken Babyboomer in Rente gehen. Avantage, die Fachstelle Alter und Arbeit von Pro Senectute der Kantone Zürich und Bern, hilft Firmen und ihren Mitarbeitern, sich zusammen auf die Pensionierung vorzubereiten. Laut Ambrož gibt es gerade unter KMU Vorreiter, die Mitarbeiter über das Rentenalter hinaus weiterbeschäftigen. «Aber erst wenige Betriebe sind organisatorisch so weit.» Sie müssten die Voraussetzungen für reduzierte Pensen schaffen und es den älteren Arbeitnehmern ermöglichen, graduell Verantwortung abzugeben.


Schrittweise kürzertreten

Auch die Stadt Zürich als grosse Arbeitgeberin spürt den Trend zur Individualisierung. «Das Modell 150 Prozent Arbeit bis 65 und dann 150 Prozent Sofa gibt es nicht mehr», sagt Daniela Eberhardt, die Direktorin des städtischen Human Resources Management. Auch um diesem wachsenden Wunsch nach Flexibilität entgegenzukommen, lancierte die Stadt vor vier Jahren den Pilotversuch «66 plus». Drei Departemente können Angestellte über 66 in Teilzeit bis 70 weiterbeschäftigen – aber nur, sofern das beide Seiten wollen. Die Verträge sind befristet und werden jahresweise verlängert. Mit dem heutigen Personalrecht der Stadt ist das nicht möglich;die Pensionierung kann nur um ein Jahr aufgeschoben werden. Rund vierzig städtische Mitarbeiter haben am Versuch teilgenommen, die meisten bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ). Diese hatten in den vergangenen Jahren mit Personalmangel zu kämpfen und erhielten gleichzeitig Anfragen von Tram- und Buschauffeuren, die übers Rentenalter hinaus im Einsatz bleiben wollten. Jürg Widmer, der VBZ-Vizedirektor und Leiter Betrieb, ist sehr zufrieden mit dem Versuch. Er habe dazu beigetragen, den Personalengpass zu entschärfen. «Es ist eine Win-win-Situation. Viele Teilnehmer wollen ihre sozialen Kontakte und die Tagesstruktur behalten, einige sagen, dass sie die Arbeit fit halte.» Hinzu komme die Freude am Austausch mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen sowie mit der Bevölkerung. Das Einkommen spiele eine Rolle, sei in der Evaluation aber nur an fünfter Stelle genannt worden. Der Lohn der «66 plus»-Mitarbeiter orientiert sich am letzten Gehalt und damit an der städtischen Einstufung, wobei die Stadt keine Pensionskassenbeiträge mehr entrichten muss. Bei den VBZ dürfen die Trampiloten nach 66 nur noch zu 40 Prozent im Einsatz stehen, dennoch sind sie wertvoll für die Disposition, weil sie oft flexibel einspringen können. Der Teilzeitjob ist weniger kräftezehrend, aber erlaubt es den Älteren doch, ihre Erfahrung an die jüngeren Kollegen weiterzugeben. «Es ist eine unserer zufriedensten Mitarbeitergruppen », sagt Widmer. Beim Kanton Zürich ist es heute schon möglich, Personal mit jährlich befristeten Verträgen über das ordentliche Rentenalter hinaus zu beschäftigen. Ende 2018 waren gemäss Zahlen der Finanzdirektion 327 von rund 36 400 Mitarbeitern 65 oder älter. Im Regelfall sieht das Personalrecht aber auch hier eine Pensionierung nicht später als mit 65 Jahren vor.


Mit 58 in Rente

Laut Daniela Eberhardt können die «66 plus»-Mitarbeiter den Fachkräftemangel nur abfedern, nicht auflösen. Sie seien in dieser Hinsicht nur ein Baustein der Personalstrategie, die sich an alle Altersgruppen richte. Es brauche auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vor allem ein gutes Gesundheitsmanagement: «Arbeitsmarktfähig ist nur, wer auch arbeitsfähig, also gesund, ist.» Die Flexibilisierung der Pensionierung bedeutet nicht, dass alle länger arbeiten. Bei der Stadt Zürich ist eine Frühpensionierung ab 58 Jahren möglich; 2017 liessen sich 837 Personen vor dem «ordentlichen» Rücktrittsalter pensionieren, nur 173 arbeiteten bis zum Schluss. Nebst den gesellschaftlichen Trends spielen laut Eberhardt oft persönliche Gründe eine wichtige Rolle: Der Lebenspartner ist bereits in Rente, oder man braucht Zeit, sich um die pflegebedürftigen Eltern zu kümmern. Frühpensionierungen seien auch in der Privatwirtschaft gang und gäbe, sagt Franjo Ambrož. Das Geld spiele dabei ebenfalls eine Rolle:«Viele Leute schauen auf den sinkenden Umwandlungssatz und beginnen zu rechnen.» Wegen des hohen Wohlstands und guter Löhne in manchen Branchen könnten sich das einige durchaus noch leisten. Es nähmen aber auch die Entlassungen zu, weil gerade grössere Arbeitgeber ihren tendenziell teureren älteren Mitarbeitern per se weniger Leistungsfähigkeit attestierten. Aus Ambrož’ Sicht ein gravierender Fehler. Auch wenn immer mehr Arbeitnehmer ihr Rentenalter selbst bestimmen – alle können es noch lange nicht.

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